Wie schon gesagt, wird homöopathisch eine Arznei angewendet, die beim Gesunden krankheitsähnliche Erscheinungen hervorruft, also Giftwirkung zeigt. Diese Arznei kann am Kranken heilend wirken, wenn dessen Symptomatik der Arzneikrankheit ganz ähnlich ist. Man muss also:
Zu 1) wurde oben schon erwähnt, dass das Wissen über Arzneiwirkungen seit Hahnemann ständig erweitert worden ist und nicht veraltet, da sich die Reaktion von lebenden Menschen auf Gifte weitgehend gleich geblieben ist. Freilich reagiert nicht jeder Mensch in gleicher Weise auf jedes Gift; man braucht nur einmal zu beobachten, wie unterschiedliche Wirkungen der Alkohol hervorrufen kann.
Das Beobachtungsgut, das aus Arzneimittelprüfungen von freiwilligen Testpersonen zusammengetragen worden ist und das aufmerksamer Beobachtung am Krankenbett zugänglich war, ist zu solchen Mengen angewachsen, dass es das Gedächtnis des einzelnen Arztes übersteigt. Er muss es studieren, und er muss es jeweils neu präsent haben. Zu diesem Zweck schlägt er es in Büchern nach oder holt es aus Dateien, die in seinem Computer gespeichert sind.
Zu 2) benötigt er möglichst genaue Informationen darüber, was sich infolge der Erkrankung im Patienten abspielt. Ganz generell lässt sich feststellen, je frischer die Erkrankung ist, umso weniger tief hat sie sich im Kranken eingenistet - umso weniger auch hat der Kranke mit seiner individuellen Reaktionsweise die Krankheit "gestaltet". Hahnemann sprach von "festständigen Krankheiten", die immer mit dem gleichen Symptomenbild ablaufen und bei jedem Kranken die gleiche Arznei erfordern; er nannte als Beispiel den Scharlach, der immer mit Belladonna zu heilen sei. In so einem Fall kann ausnahmsweise auch die homöopathische Therapie auf die Diagnose hin durchgeführt werden.
Zu 3) besteht die ärztliche Aufgabe darin, nach der Erfassung des individuellen Krankseins seines Patienten und im Vergleich mit dem ähnlichen Arzneimittelbild die Anwendung festzulegen: die Höhe der Potenz, ggf. die Häufigkeit der Wiederholung und die Beurteilung des Heilverlaufs.