Ansteckende oder übertragbare Krankheiten (Infektionen)

Krankheiten dieser Art werden durch Lebewesen hervorgerufen, die sich als Schmarotzer in einem Wirtsorganismus auf dessen Kosten ernähren und vermehren. Die kleinsten solcher Parasiten sind nicht einmal mikroskopisch zu sehen (Viren); unter dem Mikroskop sichtbar sind die vielen Arten der Bakterien und Einzeller; bei Befall von vielzelligen Schmarotzern sprechen wir von Parasiten (z.B. Würmern, Insekten).

Wir Menschen sind ja nur ein Teil der lebendigen Natur, zu der auch die Pflanzen, Pilze, Tiere und Mikroorganismen gehören. Unter all diesen bezeichnen wir lediglich diejenigen als Schädlinge, die uns bedrohen und krank machen. Weit zahlreicher sind die Nützlinge, deren unentbehrliche Tätigkeit wir gewöhnlich gar nicht wahrnehmen; etwa die Colibazillen im Dickdarm oder die Scheidenbazillen der gesunden Frau. Solange wir im gesunden Gleichgewicht mit ihnen leben, schützen sie uns weitgehend vor den Schädlingen. Wir tun gut daran, sie zu hegen und zu pflegen, um gesund und widerstandsfähig zu bleiben.

Einige der Schädlinge sind allerdings so rabiat, dass ihr Eindringen lebensgefährlich ist. Am leichtesten wird es ihnen gemacht, wenn unsere schützende Haut verletzt ist. So ist durch das "Wundfieber" durch Staphylokokken oder Streptokokken der verletzte Soldat im Kriege "gefallen", ebenso sind viele Mütter am "Kindbettfieber" zu Tode gekommen, so bedroht uns auch heute noch der Wundstarrkrampf (Tetanus) unser Leben. Nicht viel anders durchdringen einige Erreger unsere Haut mit Hilfe von Insektenstichen: Hirn- und Hirnhautentzündung nach Zeckenbiss, Malaria über Anopheles-Mücken, Gelbfieber durch Läuse etc. Stark gefährdet sind auch Menschen, die sich Drogen mit Spritzen beibringen (die "Fixer"); ihnen drohen insbesondere die infektiöse Hepatitis und AIDS.

Viele Viruskrankheiten holt man sich über die eingeatmete Luft (die Windpocken sind danach benannt); andere Infektionen kommen über die Schleimhäute in den Körper oder durch Husten und Niesen mit den Tröpfchen. Wieder andere werden mit Essen und Trinken geschluckt. Die Krankheiten, die so hoch ansteckend sind, dass man sie sich schon in der Kindheit zuzuziehen pflegt, sind die sog. Kinderkrankheiten. Andere Krankheiten benötigen zur Übertragung besonders intensiven Kontakt (die Geschlechtskrankheiten werden fast immer durch Verkehr mit einer kranken Person übertragen; die Lepra durch jahrelanges Zusammenleben mit Aussätzigen).

Was lässt sich tun?

Der Kampf gegen Infektionskrankheiten hat sich in der Geschichte der Medizin neben der Bekämpfung des Hunges am besten gelohnt; wohl deshalb ist auch der Krankheitsbegriff der meisten Ärzte wie Laien von den ansteckenden Krankheiten geformt. Und ganz besonders gilt hier: Vorbeugen ist besser als Heilen.

Unser Organismus hat in den weißen Blutkörperchen und in den Gamma-Globulinen des Blutplasmas einen Abwehrapparat von der Natur mitbekommen. Wenn diese gut vorbereitet sind, haben Krankheitserreger keine Chance. Diesen Zustand nennen wir "Immunität". Ein wenig davon kann der Säugling von der Mutter übernehmen, doch wird er nicht ganz lange immun bleiben. Die natürliche Weise, Immunität zu erwerben, ist das Überstehen der Krankheit. So wird man Masern, Mumps, Scharlach, Windpocken, Pocken, Kinderlähmung gewöhnlich nur einmal im Leben durchmachen. Oft freilich nicht, ohne einen Dauerschaden davongetragen zu haben; die Natur ist hart.

Es sollte Kindern ermöglicht werden, ihre eigene Immunität zu entwickeln; sie ängstlich vor allen Keimen zu bewahren ist ebenso riskant wie sie ständig Infekten auszusetzen. Unsere Kinder durften auch vom Fußboden essen, wenn ihnen das Brot hingefallen war - mit den Keimen in den eigenen vier Wänden waren wir ja auf vertrautem Fuße. In meinen Praxisräumen wird es Kindern nicht erlaubt.

Man kann Immunität auch künstlich übertragen mit Hilfe der Impfungen. Wir sprechen von passiver Impfung, wenn die sog. Antikörper bereits fertig vorhanden sind. Emil v. Behring hat als erster Pferde mit Diphtheriebazillen verseucht; aus ihrem Blut gewann er Serum gegen Diphtherie. Seit bekannt ist, dass Pferdeserum allergisch macht, gibt man Antikörper nur noch vom Menschen. Tetagam (gegen Tetanus) und Beriglobin (gegen viele Tropenkrankheiten) sind solche menschlichen Produkte. Passive Impfungen wirken sofort nach dem Einspritzen, verlieren allerdings nach 6 bis 8 Wochen ihre Wirkung, da der Geimpfte die Gammaglobuline abbaut, die er nicht selbst produziert hat. Aktive Impfuugen halten länger vor, (man rechnet mit mindestens 10 Jahren), doch tritt ihr Schutz erst nach etlichen Tagen ein.

Es sollte unbedingt verhindert werden, dass schwangere Frauen an Röteln 0 erkranken, da das Kind in ihrem Leibe miterkrankt und dadurch schwere Missbildungen erwerben kann. Am besten wäre es, die Krankheit schon in der Kindheit durchgemacht zu haben; dann hält der Schutz fürs Leben. Nicht erkrankte Mädchen impft man vorsichtshalber vor der Pubertät. Es scheint mir sinnvoll, die Impfung nach etwa 10 Jahren zu wiederholen, um sicher zu gehen.

Besonders gefährliche Infektionskrankheiten werden Seuchen genannt; kommt eine Seuche zum Ausbruch mit starker Verbreitung, spricht man von einer Epidemie. Wenn es möglich ist, wird man den Kontakt mit Kranken vermeiden; bei bedrohlichen Epidemien hat der Staat über das Bundesseuchengesetz die Möglichkeit, Kranke in Isolation zu legen, die sie nicht verlassen dürfen; Kontaktpersonen kann er in Quarantäne sperren, bis die Zeit gezeigt hat, dass sie die Krankheit nicht bekommen haben.

Um Wundinfektionen zu verhüten, werden Krankheitserreger in den Wunden bekämpft (Wundreinigung und Antisepsis, die arzneiliche Erregerbekämpfung); wenn chirurgisch operiert werden muss, verhütet man Infektionen durch aseptisches Vorgehen (Instrumente, Tücher, Handschuhe sind sämtlich keimfrei).

Gegen bakterielle Infekte kann man antibiotisch vorgehen; Antibiotika sind Arzneien, die (in der Natur oft von Pilzen benutzt) den Wirtsorganismus nicht beeinträchtigen, aber die Erreger lähmen oder töten. Gegen Viruskrankheiten ist ein solches Vorgehen noch kaum möglich, da Viren sich nicht selbst vermehren, sondern die Zellen des Wirtsorganismus veranlassen, neue Viruspartikel zu synthetisieren. Da muss man sich meist darauf beschränken, die Selbstheilungskräfte des Kranken zu unterstützen. Wird die Erkrankung durch Überträger (Mücken etc.) verbreitet, kann man auch versuchen, die Überträger zu bekämpfen. Leider sind die Erfolge solcher Maßnahmen für die Umwelt eine Belastung und anscheinend nicht von langer Dauer. Der Kampf geht weiter, der schon gewonnen schien.